Actualité de l’Anarcho-syndicalisme

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Erster Mai, erster Schritt in Richtung Emanzipation

Dienstag 17. September 2002

Dieser Tag existiert wegen des vergossenen Blutes von Arbeitern, und nicht wegen der Illusion der Wahlurnen:

Am ersten Mai 1886 treten in Chicago die Arbeiter der Fabrik McCormick in den Streik, um den Acht-Stunden-Tag zu erwirken. Am dritten Mai werden die vor der Fabrik versammelten Arbeiter von der Polizei mit Revolver- und Gewehrschlaegen angegriffen. Am Tag darauf, am Ende einer Protestkundgebung, ueberfaellt die Polizei die DemonstantInnen und eine Bombe - mensch hat nie feststellen koennen, von wem sie geworfen wurde - landet inmitten der Polizisten. Als Verantwortliche werden acht der Organisatoren der Kundgebung, die Mehrzahl von ihnen Anarchisten, im Oktober 1886 vor Gericht gebracht - der Prozesz verlief derart skandaloes, dasz er 1893 neu aufgerollt wurde. Neebe wurde zu 15 Jahren Knast verurteilt. Die anderen sieben erwartete der Tod. Das Todesurteil gegen Fielden und Schwab wurde in lebenslange Haft umgewandelt. Lingg brachte sich um. Spies, Fisher, Engel und Parsons wurden am 11. November 1887 gehaengt. Von 1889 an demonstrierte das internationale Proletariat, oft auch gewalttaetig, fuer den Acht-Stunden-Tag, und zwar am ersten Mai - dem Jahrestag der McCormick-Streiks.

Heiligsprechung der Arbeit, Charta der Arbeit (Oktober 1941) und der Erste Mai als Feiertag:

"Wir werden ein organisiertes Frankreich schaffen, in dem die Disziplin der Untergeordneten der Autoritaet der Chefs entspricht und Gerechtigkeit fuer alle herrscht. Der Angestellte soll sich an seinem Arbeitsplatz um nicht als seine Arbeit kuemmern, er musz sich der Disziplin des Unternehmens unterordnen, und der Unternehmer soll als Chef einer gesellschaftlichen Zelle handeln. Er verkoerpert die Autoritaet, denn Befehl und Hierarchie sind die Stuetzpfeiler der Arbeitsorganisation." (Phillipe Pétain) So wird der Kampftag zum nationalen Feiertag!

Liberal oder staatlich, Kapitalismus bleibt Kapitalismus:

Die einen meinen, mensch muesse sich damit begnuegen, ausgebeutet zu sein, das Rueckgrat zu beugen und nicht aufzufallen. Andere ziehen es vor, uns erhobenen Hauptes, befriedigten Herzens und voller Stolz, ausgebeutet zu werden, mit der Losung "KONSUMIEREN" marschieren zu sehen. Der Staat, egal ob behauptet wird, er sei historisch notwendig, oder nicht, ist nichts weiter als das Instrument, die ausfuehrende Gewalt der besitzenden Klasse (gestern nationale, heute multinationale Bourgeoisie). Er war nie eine von der wirtschaftlichen Macht unabhaengige Instanz, wie uns das die anti-liberale Theorie oder die demokratische Illusion glauben machen wollen. Er stellt fuer das Kapital einen Justizapparat und eine Polizei, die ueber der sozialen Frieden einer in ungleiche Klassen geteilten Gesellschaft wachen. Er verwaltet die Prekaritaet, zu der uns der Kapitalismus verdammt.

Die AnhaengerInnen des Anti-Liberalismus wollen den "Uebertreibungen" des Kapitalismus einen schuetzenden Staat gegenueber stellen. Aber der Kapitalismus uebertreibt nie. Der Kapitalismus agiert schlicht opportunistisch: heute vaeterlich-schuetzend, morgen vielleicht liberal ... ganz nach der momentanen Interessenslage.

Der Konsensbegriff dieser anti-liberalen Stroemung heiszt "ZIVILGESELLSCHAFT" [1]. Und tatsaechlich berufen sie - als wollten sie uns von ihrer Sichtweise ueberzeugen - BuergerInnenversammlungen ein, in denen jedeR beteiligt sei ... Chefs und Angestellte letztlich vereint in der Konstruktion eines politisch demokratisch und wirtschaftlich despotisch organisierten Staates. Die vollkommene Synthese einer solchen politischen Vision ist das "staatsbuergerliche Unternehmen". Das also bedeutet: die Abschaffung des Klassenkampfes zugunsten des republikanischen Staates, der Garant fuer einen Kapitalismus mit menschlichem Antlitz sein soll [2].

Wir lassen uns von den PolitikerInnen nicht von der Emanzipation abbringen:

Fuer uns AnarchosyndikalistInnen ist der Kampf gegen den Liberalismus ein Kampf gegen die Ausbeutung und die Herrschaft einer gesellschaftlichen Klasse ueber eine andere. Es ist daher nicht die Schaffung von Staaten vonnoeten, sondern deren Abbau, um ein von politischen wie religioesen Aasgeiern befreites Leben zu verwirklichen. In diesem Kampf lehnen wir die Barbarei der Industriegesellschaft ab und setzen uns fuer eine menschliche Entwicklung, eine gesellschaftlich nuetzliche Produktion ein. Dies zu verwirklichen, brauchen wir Organe und Delegierte [3] (ArbeiterInnenraete, Stadtteilraete, etc.), die von allen kontrolliert und jederzeit wieder abgesetzt werden koennen.

1. Mai 2002

Anmerkungen:


[1] Citoyenneté - woertlich uebersetzt "Staatsbuergerlichkeit", in unserem Sprachraum aber ist eher das Wort der "Zivilgesellschaft" im gesellschaftlichen Diskurs, wobei freilich unterschieden werden musz zwischen dem Verstaendnis von Zivilgesellschaft etwa eines Herrn Schroeder und z. B. der EZLN

[2] Diesen Sachverhalt - Republik des Marktes, Despotie der Fabrik und sozialer Frieden - stellt Johannes Agnoli hervorragend in seinem 1968 erstmals veroeffentlichtem Buch "Die Transformation der Demokratie" dar.

[3] zwischen Delegierten und Deputierten (Abgeordneten) besteht ein nicht geringer Unterschied: erstere werden mit einer Aufgabe betraut (imperatives Mandat); letzteren wird Macht (qua Wahlzettel) uebertragen, ohne irgendeine Verbindlichkeit


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